SEHNSUCHTSORT


Der Botanische Garten ist eine künstlich geschaffene Naturoase mitten im Stadtzentrum von Erlangen. Bewohnern und Besuchern dient er als Ort der Erholung und der Information. Viele treibt die Sehnsucht nach üppigem Grün und Farbenvielfalt hierher. Die Verbundenheit des Menschen mit der Natur wird hier intensiv spürbar.  

Diesen Aspekt will die Ausstellung aufgreifen, sie will aber auch mit künstlerischen Mitteln natürliche Prinzipien, Mechanismen und Systematiken erforschen, die bei Mensch, Tier und Pflanze gleich oder ähnlich sind: Verwurzelung, Vernetzung, Symbiose, Tarnung, Wachstum, Veränderung, Ausbreitung oder Standortwechsel bei guten bzw. schlechten Lebensbedingungen.

Begriffe wie Geborgenheit, Heimat, Verlust, Menschsein, kollektiver Wandel werden hier mit impliziert und können vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlich – politischen Situation beleuchtet werden. Nicht nur der Garten erscheint vielen als Sehnsuchtsort, sondern ein ganzes Land, ein ganzer Kontinent.




In sieben aktuellen künstlerischen Positionen - Skulpturen, Objekte und Installationen - soll einerseits der „traumhafte“ Charakter des Gartens betont werden, indem mit den ortsspezifischen Werken Verbindungen zur Natur geschlagen werden, andererseits sollen aber auch immanent vorhandene gesellschaftliche Zusammenhänge reflektiert werden.

Zunächst muss so ein irdisches Paradies erst einmal geschaffen werden. Erst durch viel Arbeit kann die Natur gestaltet und dem Wildwuchs Einhalt geboten werden. Ohne Fleiß kein Preis, und ohne Mühsal keine gärtnerischen Erfolge. An die tägliche Anstrengung, aber auch an fast vergessene Auszeichnungen in überkommenen Gesellschaftssystemen erinnern die humorvollen „Großen Helden der Arbeit“ (5) von Annette Voigt.

Die „Emanationen“ (3), die punktuell bearbeiteten auf filigranen Metallgestellen ruhenden Steinskulpturen von Andreas Rohrbach, versprühen an heißen Sommertagen kleinste  Mengen von Wasser, nicht zweckgebunden, wie sonst im Garten üblich sondern als visuelles und taktiles Erlebnis: Den unwirklich erscheinenden poetischen Nebelraum mit seinen vielfältigen Sonnenreflektionen in Regenbogenfarben kann man durchqueren.

„In Sammet und Seide“ (4) hüllt Barbara Engelhard den Pavillon im Botanischen Garten. Die farbenprächtigen Seidenbänder der Installation reflektieren das Kolorit des blühenden Naturraums. Vor der dunklen Waldzone von außen, aber auch von innen wird die Leuchtkraft der geordnet vertikalen Farbstrukturen erlebbar. Die künstlerische  Intervention visualisiert mit Ihrer Zeltform aber auch Begriffe wie Schutz, Geborgenheit, Verbergen, Verstecken.

Die ortsspezifische vielfarbige textile Großstruktur no.48 aus der Serie „intervention invading networks“ (7) von Irene Anton,die zwischen und mit den Bäumen verknüpf wird, lässt automatisch an Grundformen, wie sie in der Natur vorkommen denken, etwa an ein Pilzmyzel oder an die synapsenartigen Verdickungen im menschlichen Nervensystem, sie assoziiert aber auch die analogen oder digitalen Netzwerke, die das menschliche Zusammenleben bestimmen.

Märchenhaft sind auf den ersten Blick die skulpturalen Installationen in leuchtenden Farben von Kerstin Himmler, auf den zweiten Blick wird das Idyll gebrochen. Den zwei aus Plastikfolie geformten Rehkitzen werden zum Schutz ABC-Masken übergestülpt. Das surreale Environment „Lost in the sphere“(1) setzt sich kritisch, bunt und plakativ mit unserer eigenen Verantwortung bei der Schaffung unserer Sehnsuchtsorte auseinander.


Ein Leben ohne willkürlich geschaffene Grenzen, in dem jeder dahin gehen kann, wo die für ihn günstigsten Lebensbedingungen herrschen, gibt es wohl nur in der Natur oder in der Fantasie des Künstlers. Die „World Flag“ (2) von Monika Goetz löst virtuell die Ländergrenzen auf, indem die Flaggen aller 196 offiziell anerkannter Staaten übereinander kopiert wurden und nur eine einzige zart bunt changierende poetische Fahne übrig bleibt.

Die Prinzipien von Tarnen und Verstecken hat die Kriegsindustrie  von der Natur für ihre Uniformen und Geräte übernommen. Das Tier hat seine Tarntracht, der Mensch bedient sich verschiedener Tarnfarben und -muster, um sich zu verbergen. Ziel ist in beiden Fällen die Somatolyse, das Verschmelzen des Lebewesens mit seiner Umgebung. Die Camouflagen, angepasst und  systematisiert  für die jeweiligen Kriegsgebiete, sollen unsichtbar machen. Stefan Bressel führt diese Intention mit den separierten spiegelnden Camouflageformen in seiner Arbeit „hortus conclusus“ (6) ad absurdum.

 

©Martina Sutter Kress